Die Aare im Sommer 2021 – vom Fluss zum Strom


ÜSES BÄRN | Zu Beginn dieses Sommers wurde der Kongostrom umgeleitet: kurz vor Kinshasa machte der zweitlängste und wasserreichste Fluss Afrikas plötzlich einen Bogen gegen Norden und floss ab diesem Zeitpunkt irgendwo kurz nach Meiringen in die Aare. Und so kam es, dass die in der Regel gemächlich dahinziehende, grünblaue Aare dieses Jahr als Teil des Kongostroms durch die Hauptstadt floss, sozusagen also der Aarestrom. Zumindest sah unsere schöne Aare genau so aus. Ihre Breite war furchteinflössend aber auch irgendwie faszinierend. Zum Baden lud der braune, mit einem Affenzahn dahin fliessende Aarestrom nun wirklich nicht mehr ein, im Gegenteil: irgendwann wurde das Baden darin sogar verboten.


Das war ärgerlich für uns alle, die wir mindestens sechs, in der Regel eher acht Monate im Jahr darauf warten, in die kühlende Aare zu springen und uns mit dem Gefühl der absoluten Freiheit und der Glückseligkeit darin treiben zu lassen. Dieses Jahr konnten die meisten von uns ihre Anzahl Aareschwümme an einer Hand abzählen und die Saison war vorbei, bevor sie wirklich begonnen hatte.


Im Nachhinein dieser elendiglichen Badesaison tröste ich mich mit den Erinnerungen an 30 Jahre Aareschwimmen und all die vielen friedlichen und glücklichen Momente, in denen ich mich eins mit mir selbst und der Welt in der Aare treiben liess und vor Glück am liebsten zu heulen begonnen hätte. Diese Momente sind es, die mich prägen und nicht all jene, in denen ich während eines regnerischen Sommers kaum ein Bad geniessen konnte.


Zusätzlich freue ich mich auf meiner heutigen Joggingrunde über die Kreaturen, welchen das regnerische Wetter mehr Freude bereitet als mir, zum Beispiel den Schnecken. Zahlreich haben sie sich diesen Morgen auf dem Aareweg eingefunden, gerade so, als gehörte er ihnen ganz alleine. In allen Formen und Grössen kriechen sie herum. Meine Laune bessert sich mit jedem Tier, das mir im Weg sitzt. Am Ende meiner Runde bin ich mir einmal mehr sicher: alles auf der Welt hat seine Richtigkeit, alles macht irgendwie und irgendwo für irgendjemanden Sinn, auch wenn dies heute nicht ich bin. Des einen Freud, des anderen Leid... Aber leidig war der Sommer trotzdem.


Hoffen wir gemeinsam auf einen wunderschönen, sonnigen 2022-Sommer mit ein paar Regentropfen für die Schnecken!


Serie: Üses Bärn – Kleines, Kurioses, Leises, Schönes, Geschmackvolles und Verstecktes

Für die hier aufgewachsenen, hierher gezogenen, geflüchteten oder hier gestrandeten Bernerinnen und Berner ist sie unbestritten die schönste aller Hauptstädte überhaupt.


 

Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «Wohnenbern», der verschiedene Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten.


In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.